Bremer Amoklauf 1913

Die Tragödie der St.-Marien-Schule in Bremen-Walle

20. Juni 1913 • 11:00 Uhr

📋 Historischer Überblick

"Onkel, erschieß uns nicht!" – Die letzten Worte eines 6-jährigen Mädchens
— Augenzeugenbericht, Neue Freie Presse 1913
5
Tote Mädchen
23
Verletzte
10
Waffen
1913
Erster Schul-Amoklauf Deutschland
Historische Bedeutung: Dies war der erste dokumentierte Schul-Amoklauf in Deutschland – lange vor Winnenden (2009), Erfurt (2002) und Emsdetten (2006).

Am 20. Juni 1913 erschütterte ein ungeheuerliches Verbrechen die Hansestadt Bremen. Heinz Schmidt, ein 29-jähriger arbeitsloser Lehrer, betrat die katholische St.-Marien-Schule im Stadtteil Walle und eröffnete das Feuer auf wehrlose Kinder. Innerhalb weniger Minuten verwandelte er sich vom Besucher zum Mörder – fünf Mädchen im Alter von nur 6–8 Jahren starben, mindestens 23 weitere Personen wurden verletzt.

⏱️ Der Ablauf des Verbrechens

11:00 Uhr

Schmidt betritt die St.-Marien-Schule ohne berechtigten Grund. Er trägt eine Aktentasche mit 6–10 Handfeuerwaffen und über 100 Patronen.

11:03 Uhr

Konfrontation mit Lehrerin Marie Pohl. Schmidt wird von ihr im Flur angesprochen. Ohne Antwort feuert er einen Schuss – knapp an ihrem Kopf vorbei. Pohl flieht in ein Klassenzimmer.

11:05 Uhr

Einbruch in Klasse 8b. 65 Mädchen im Alter von 6–8 Jahren sind im Unterricht. Schmidt beginnt wahllos zu schießen. Ein Mädchen fleht: "Onkel, erschieß uns nicht!"

11:08 Uhr

Flur-Chaos. Schmidt feuert auf 36 Mädchen im Flur. Er wirft leergefeuerte Waffen weg, holt neue aus der Tasche. Der Hausmeister erhält einen Schuss durch den Kiefer.

11:12 Uhr

Schulhof. Schmidt positioniert sich am Fenster und feuert auf fliehende Jungen. Fünf werden getroffen, keiner tödlich.

11:15 Uhr

Festnahme. Lehrer Hubert Möllmann (zweimal verletzt) und Schulpersonal überwältigen Schmidt. Er wird gefasst – niemals sollte er vor Gericht stehen.

👤 Der Täter: Heinz Schmidt

Biografische Daten

Vollständiger Name: Heinz Jacob Friedrich Ernst Schmidt

Alter: 29–30 Jahre

Herkunft: Sülze (Mecklenburg-Schwerin)

Wohnsituation: Seit Dez. 1912 in Bremen

Psychischer Zustand

Diagnose: Geistig verwirrt, paranoid

Wahnideen: Beschuldigung der Jesuiten

Letzter Brief: "Die Jesuiten haben das getan"

Auslöser: Tod des Vaters kurz vorher

Schicksal

Rechtliche Folge: Nie vor Gericht

Unterbringung: Direkte Anstaltseinweisung

Versterben: 1932 in der Anstalt

Lebensdauer nach Tat: 19 Jahre

Wichtig: Schmidt wurde nie verurteilt. Die Justiz entschied, ihn direkt in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen. Er starb dort 19 Jahre später – ohne jeglichen Prozess.

💀 Die Opfer

In der Tabelle unten sind die dokumentierten Opfer des Amoklaufs zusammengefasst. Die Namen der meisten Kinder wurden historisch nicht vollständig überliefert.

Rolle Name Alter Schicksal Bemerkung
Mädchen (Schülerin) [Name unbekannt] 6–8 Jahre Tödlich verletzt Eines der ersten Opfer
Mädchen (Schülerin) [Name unbekannt] 6–8 Jahre Tödlich verletzt Klasse 8b
Mädchen (Schülerin) [Name unbekannt] 6–8 Jahre Tödlich verletzt "Onkel, erschieß uns nicht!"
Mädchen (Schülerin) [Name unbekannt] 6–8 Jahre Tödlich verletzt -
Mädchen (Schülerin) [Name unbekannt] 6–8 Jahre Tödlich verletzt -
Lehrerin Marie Pohl - Überlebte Schuss knapp am Kopf vorbeigefeuert
Lehrer Hubert Möllmann - Überlebte Zweimal getroffen
Hausmeister [Name unbekannt] - Überlebte Schuss durch Kiefer
Jungen (Schüler) 5 Personen 6–10 Jahre Verletzt Am Schulhof getroffen
Mädchen (Schülerinnen) ~15–17 Personen 6–8 Jahre Verletzt Flur & Klasse 8b

🕊️ Gedenkorte & Erinnerungsorte

Heute existieren mehrere Orte, die an die Tragödie erinnern. Hier sind die wichtigsten:

Waller Friedhof (Hauptgedenkort)
Hauffstraße, 28217 Bremen-Walle

Bedeutung: Hier wurden die fünf ermordeten Mädchen bestattet. Bis heute ist dies der zentrale Erinnerungsort für Angehörige und lokale Geschichtsinteressierte.

Status heute: Öffentlicher Friedhof, frei zugänglich

Alte Pathologie Bremen
Lehrer-Wagner-Straße 8, 28359 Bremen

Bedeutung: In dieser Einrichtung wurden die Leichen der Opfer seziert und forensisch untersucht. Der Ort ist heute Teil der Universität Bremen.

Status heute: Historisches Gebäude, teilweise noch im Nutzung

St. Marien Kirche
Am Dobben, 28203 Bremen (Zentrum)

Bedeutung: Die Pfarrkirche der katholischen Gemeinde, zu der auch die St.-Marien-Schule gehörte. Heute gibt es ein Gedenkbuch für die Opfer.

Status heute: Aktive Kirche, regelmäßige Gedenkgottesdienste

Ehemaliges Schulgebäude
St.-Magnus-Straße / Hauffstraße Bereich, 28217 Bremen

Bedeutung: Das ursprüngliche Schulgebäude wurde später umgebaut und dient heute anderen Zwecken. Eine kleine Gedenktafel erinnert an die Ereignisse.

Status heute: Privates Gebäude, nicht öffentlich zugänglich

🗺️ Standort-Übersicht

Alle Gedenkorte liegen im Westen Bremens. Klicke auf die Buttons, um sie in deiner Karten-App zu öffnen:

📍 Waller Friedhof

Adresse: Hauffstraße, 28217 Bremen

Öffnungszeiten: Täglich 8–18 Uhr

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📍 Alte Pathologie

Adresse: Lehrer-Wagner-Straße 8, 28359 Bremen

Status: Universität Bremen (nicht öffentlich)

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📍 St. Marien Kirche

Adresse: Am Dobben, 28203 Bremen

Gottesdienste: Sa 17:30, So 10:00 Uhr

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📍 St.-Magnus-Straße (ehemalige Schule)

Bereich: Hauffstraße/St.-Magnus-Straße, 28217 Bremen

Status: Privates Gebäude

© OpenStreetMap contributors | Alle Orte: Waller Friedhof • Alte Pathologie • St. Marien • St.-Magnus-Straße
Tipp für Besucher: Die meisten Orte sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Tramlinie 1 oder 2 bis "Schnoor" oder "Wallstraße". Von dort sind es 5–10 Minuten zu Fuß.

📚 Primärquellen & Zeitdokumente

Die folgenden historischen Dokumente liefern direkte Einblicke in die Zeitgenössische Berichterstattung und Gerichtsakten.

  • Die Neue Freie Presse (Wien) – 24. Juni 1913

    Titel: "Die Mordtaten eines Irrsinnigen in einer Bremer Mädchenschule"

    Umfang: 3 Seiten ausführliche Berichterstattung

    → ANNO-Archiv lesen
  • Vorarlberger Volksblatt – 22. Juni 1913

    Titel: "Furchtbares Attentat in der Schule"

    Umfang: Seite 5, vollständiger Bericht mit Augenzeugenberichten

    → ANNO-Archiv lesen
  • The New York Times – 21. Juni 1913

    Titel: "Teacher Kills Five Girls in Bremen School"

    Umfang: Englische Erstberichterstattung, international

    → NY Times Archiv
  • Prager Tagblatt – 21. Juni 1913

    Titel: "Ein schreckliches Verbrechen in Bremen"

    Umfang: Detaillierte Schilderung des Tatverlaufs

    → ANNO-Archiv lesen
  • Reichspost (Berlin) – 21. Juni 1913

    Titel: "Mordattentat in Bremener Schule"

    Umfang: Offizielle Polizeiberichte zitiert

    → Bundesarchiv kontaktieren
  • St.-Jürgen-Asyl Akten (1913–1932)

    Inhalt: Psychiatrie-Akten des Täters, klinische Diagnosen

    Zugang: Nur für Forscher, Anfrage notwendig

    → Archiv anfragen
  • Spiegel Online – 20. Juni 2013

    Titel: "Onkel, erschieß uns nicht!" – 100. Jahrestag

    Umfang: Moderne Aufarbeitung mit Interviews

    → Artikel lesen
  • Weser-Kurier – 20. Juni 2013

    Titel: "Vor 100 Jahren: Der erste Amoklauf an einer deutschen Schule"

    Umfang: Lokale Perspektive, Zeitzeugen-Interviews

    → Weser-Kurier Archiv
Recherche-Hinweis: Die meisten Originaldokumente sind in digitalen Archiven (ANNO, NY Times Archive) verfügbar. Für tiefgehende Forschung empfehlen wir den Kontakt mit dem Staatsarchiv Bremen oder dem Universitätsarchiv Bremen.

📖 Weiterführende Informationen

Bücher & Literatur

  • René Schlott: "Onkel, erschieß uns nicht!" (Spiegel-Online, 2013)
  • Peer Meter & Barbara Yelin: "Gift" – Graphic Novel (2015)
  • Michael Kirchschlager: "Kriminalia" – Rechtsgeschichte-Band